Folge 2: Zeit zum Outing: Kein Platz für schwulen Sex.

oder: Smalltownboy und Brüderliebe

Die nächste Folge führt uns Mitte der 80er Jahre direkt in die westfälische Kleinstadt Soest, dem Zentrum schwulen Aufbegehrens. Die Neue Deutsche Welle war von der Industrie bis zum letzten Tropfen ausgesaugt und blutleer geworden. „Jenseits von Eden“ dudelte es seit Wochen schmachtend auf allen Kanälen. Boy George und sein Kulturverein („Karma Chameleon“) dominierten die USA und in London kündigte sich mit Frankie goes to Hollywood auf Platz 1 der Charts eine kulturelle Revolution an: das öffentliche Coming-Out und das Ende der Scheinheiligkeit in der Unterhaltungsindustrie.

Waren die sexuellen Vorlieben von Stars wie Boy George und Limahl, Lieblinge meiner Mutter, noch unterdrückt und sie, wie ich, noch ungeoutet, schrie Holly Johnson in jedes Mikro, das ihm entgegengehalten wurde: ich bin schwul und das ist gut so! Wer heute das Video von Frankie goes to Hollywood sieht, ihr Debüt-Hit „Relax“ rotierte auf MTV, der wundert sich mit Fug und Recht, das dies überhaupt noch nötig war.

Genau zu jener Zeit schrieb der 15jährige Klaus aus Westfalen Herrn Dr. Sommer einen Brief und schilderte sein Leid. Er hatte sich mit seinem Freund, beide schwul, da gab es keine Frage, im elterlichen Haus zu einem intimen Tête-à-Tête eingetroffen. Die Mutter, uneingeladen, kam hinzu und warf den Freund hinaus. Klaus sollte gleich mitgehen, denn einen schwulen Sohn wollte die rabiate Mutter nicht haben. Wenn mir Freunde von ihren familiären Outings erzählten, war ich immer sehr verstört. Ein Freund, erzählte mir, dass seine Mutter ihn wegen versuchten Totschlags bei der Polizei angezeigt habe. Er hatte sein Outing mit der Nachricht verbunden, dass er HIV-positiv sei, was vermutlich nicht sehr feinfühlig war.

Damals sagte man noch Schwulenseuche und der Befund kam einem Todesurteil. Wie feinfühlig sollte er denn bitte schön sein? Das Coming-Out war eine politische Strategie geworden. Sie war gerade wegen AIDS notwendig geworden. Das schwule Massensterben hatte eingesetzt. Je mehr sich öffentlich bekannten, desto schwieriger wurde es mit noch stärkerer Repression zu antworten. Solche Gedankenspiel gab es sehr wohl. Mein bester Freund wollte mit seiner Mutter über die Anzeige sprechen und so begleitete ich ihn. Das Wortgefecht, das sich beide über die Sprechanlage lieferten, gäbe einiges für die Bestenliste deutscher Schimpfwörter her.

Ich hatte derlei Probleme nicht. Das mag wohl daran gelegen haben, dass man in einer schwarzen Familie intuitiv weiß, dass schwul sein in einer weißen Gesellschaft, die geringste aller Sorgen sein dürfte. Meine Brüder trugen mich stolz wie eine Trophäe vor sich her. Wenn sie mich mitnahmen und vorstellten, hieß es immer: Schau mal hier, mein kleiner schwuler Bruder. Selbst im liberalen Hamburg keine Selbstverständlichkeit. Ich habe jahrelang gebettelt, die Adjektive wegzulassen. Mit bescheidenem Erfolg. Der kleine Bruder bleibt man lebenslang. Sie waren es auch, die mich, noch keine 18, in den Tempel meiner Jugend einführten: das schwule „FRONT“- Deutschlands erster House-Club.

Als ich meinem Bruder erzählte, dass ich für diesen Blog alte BRAVOs las, aber ausgerechnet die Ausgaben, in denen er abgedruckt war, im Archiv der Jugendkulturen fehlten, schickte er mir umgehend beide zu. Meine Brüder und ihre „Magnificent Poplockers“ waren Deutsche Vizemeister, Stars der Hamburger Breakdance-Szene, und der BRAVO in zwei Ausgaben gleich eine Doppelseite wert. Neben all meinen NENA Postern, ein wahres Kinder der 80er, hing auch ihr Bild aus der BRAVO, Ausgabe 9 im Februar 1984. So stolz war ich.

Diese Ausgabe führte mich zu Klaus und zeigte mir, dass es in deutschen Familien noch weitaus rabiater ging. Der Vater, nachdem er heimgekommen war, schlug den schwulen Klaus, sein eigen Fleisch und Blut, und beschimpfte ihn. Ob seine Eltern ihn tatsächlich vor die Tür setzten, geht aus dem Brief nicht hervor. Sie redeten aber nicht mehr mit ihm, wofür er eigentlich hätte dankbar sein sollen. Ich jedenfalls rede nicht gern mit Leuten, die mich schlagen. Klaus aber war verzweifelt. Was sollte er bloß tun?  Die Antwort war ein wahrer Sommer: Klaus, du bist ein Junge mit Drang nach Sex und Liebe. Das will befriedigt werden. Schlecht nur, dass du dich dabei hast erwischen lassen. Man schließt die Tür und macht das Licht aus, schon vergessen? Herr Sommer zeigt auch Mitgefühl mit den Eltern, denn für sie ist der Hammer doppelt: 1. Ihr Sohn tut Sexuelles. Und zweitens, als wenn das nicht reichte, wir ahnen es schon, es wiegt viel schwerer: Er tut Homosexuelles.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Sag, mein Freund, tust du etwa Homosexuelles? Das eignet sich doch gut als Gesprächsauftakt, sagen wir mal am Handy.

Dr. Sommer meint, mit 15 ist es viel zu früh von schwul zu reden. Ich bin beruhigt. Mein Coming-Out ließ auch noch auf sich warten. Klaus brauche keinen schwulen Freund, sondern Leute, die Verständnis haben für seine Probleme. Nun gut, ich sehe hier keinen Widerspruch. Aber irgendwie hat Dr. Sommer nicht richtig zugehört. Klaus braucht eine neue Bleibe und wer soll ihn bitte befriedigen? 

Folge 1: Die Entdeckung des Homosexuellen

oder: Die Erfindung der Heterosexualität

Ein junger Mann namens Hartmut aus dem ostwestfälischen Minden im Regierungsbezirk Detmold schrieb Geschichte. Dabei hatte er im Grunde nichts weiter getan, als einen Brief zu schreiben. Und als er fertig mit dem Schreiben war, überlegte er es sich gleich zweimal, ob er den Brief auch zur Post bringen sollte. Zu unser aller Glück tat er es dann doch. Die Geschichte kann sehr grausam sein. Die wirklich großen Taten kleiner Leute, wie die des jungen Hartmut, vergisst sie gern. Dabei hatte er im Augenblick größter Drangsal heldenhaften Mut bewiesen und das Unsägliche gewagt. Er schrieb in einfachen Worten: Ich bin homosexuell. Fehlte nur noch, dass er seinen Anklägern ein „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ entgegenschleuderte.

Zigtausende waren seit der Befreiung vom Nationalsozialismus für weit Banaleres in die Kerker geworfen worden. Sie hatten, so hieß es, Unzucht getrieben, ein Straftatbestand ohne Bekenntniszwang, der für die westdeutsche Justiz schon erfüllt war, wenn zwei Kerle gemeinsam wichsten. Wie skandalös, man glaubt es kaum. Die Justiz war bei der Befreiung aus Versehen übergangen worden. Wer nicht eingesperrt werden wollte, floh ins Ausland. Weniger zart Besaitete begingen Selbstmord, um den gesellschaftlichen Pranger von Gericht und Presse zu entgehen. Es mag in unseren Ohren seltsam klingen, aber die Menschen damals strebten nicht nach Ruhm durch öffentliche Demütigung. Reality-TV war noch gänzlich unbekannt. Die Gnade der späten Geburt ist ein zweischneidiges Schwert.

Wie klein der Hartmut aus Minden bei Detmold wirklich war, den die Geschichte trotz seiner großen Tat vergessen hat, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wie alt er war. Denn sein Brief wurde im November 1969 in der BRAVO abgedruckt, nur wenige Monate nach Ende des Totalverbots, und war damit der erste Leserbrief, in dem sich ein junger Mann ungeniert zum Schwulsein bekannte. So werden Helden gemacht. Denn ganz so ungeniert war er nicht. Aus dem anfänglich forschen „Ich bin…“ wurde in seinem Brief eine „Veranlagung“ und endete im letzten Satz schon schmachvoll vorsichtig als „homosexuelle Neigung“. In der Medizin wird laut Wikipedia mit Veranlagung „eine erworbene bzw. durch äußere Einflüsse verursachte erhöhte Anfälligkeit für die Ausbildung von Krankheiten bezeichnet.“ Nun denn, vielleicht hat Hartmut das wirklich geglaubt. Ich fühle mich manchmal auch ganz fiebrig und neige dann zum wilden Sex. Wirklich helfen tut es nicht. Aber der junge Mann war ja auch erst 18, und wenn ihr mich fragt, war das sein eigentliches Problem. Denn das hieß, er musste zum Militär. Die Wehrpflicht rief und da fragt keine Sau nach Veranlagung oder deiner Neigung. Dabei kann man in der Armee möglicherweise ganz praktische Dinge für ein schwules Leben lernen. So heißt die didaktische Methode, einen Rekruten bis zur Leistungsgrenze zu drillen, im blumigen Soldatenjargon „abfisten“. Ich kann den Hartmut gut verstehen. „Schwul“ wird da nicht reichen, dazu braucht es wirklich Neigung. Das Verzeichnis „Deutsche Soldatensprache“ liest sich wirklich toll. Frei nach G.B. Shaw: „Schwule und das Militär, getrennt durch die gemeinsame Sprache“. Ein „Bär“ im Heer ist ein Rekrut. Und seine flauschige Wintermütze ist die „Bärenfotze“. Wenn unsere Soldaten nicht gerade unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen, sind sie mindestens so kreativ und fies wie Großstadttunten.

Hartmut wollte trotzdem nicht zum Militär. Und wurde nebenbei von Dr. Sommer beruhigt. „Fachleute„, so Dr. Sommer, „wissen, dass Homosexualität weder pervers noch krankhaft ist und dass Menschen, die darunter leiden, sehr oft durch Behandlung geholfen werden kann.“ Das zu lesen, beruhigt mich nun wieder. Es schadet schließlich nie, einen Plan B zu haben. Was mich aber in tiefste Verwirrung stürzt, in meine ureigene Krise der Männlichkeit sozusagen, ist der Rat, den Dr. Sommer unserem heldenhaften Verweigerer gibt: „Es gibt unterschiedliche Arten von Homosexualität. Sie sollten deshalb genau wissen, woran Sie sind.

Nach all den Jahren die Gretchenfrage. Wer bin ich genau? Ach, die Heten! Ich sage es immer wieder: Gäbe es sie nicht, wir müssten sie erfinden.