Folge 1: Die Entdeckung des Homosexuellen

oder: Die Erfindung der Heterosexualität

Ein junger Mann namens Hartmut aus dem ostwestfälischen Minden im Regierungsbezirk Detmold schrieb Geschichte. Dabei hatte er im Grunde nichts weiter getan, als einen Brief zu schreiben. Und als er fertig mit dem Schreiben war, überlegte er es sich gleich zweimal, ob er den Brief auch zur Post bringen sollte. Zu unser aller Glück tat er es dann doch. Die Geschichte kann sehr grausam sein. Die wirklich großen Taten kleiner Leute, wie die des jungen Hartmut, vergisst sie gern. Dabei hatte er im Augenblick größter Drangsal heldenhaften Mut bewiesen und das Unsägliche gewagt. Er schrieb in einfachen Worten: Ich bin homosexuell. Fehlte nur noch, dass er seinen Anklägern ein „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ entgegenschleuderte.

Zigtausende waren seit der Befreiung vom Nationalsozialismus für weit Banaleres in die Kerker geworfen worden. Sie hatten, so hieß es, Unzucht getrieben, ein Straftatbestand ohne Bekenntniszwang, der für die westdeutsche Justiz schon erfüllt war, wenn zwei Kerle gemeinsam wichsten. Wie skandalös, man glaubt es kaum. Die Justiz war bei der Befreiung aus Versehen übergangen worden. Wer nicht eingesperrt werden wollte, floh ins Ausland. Weniger zart Besaitete begingen Selbstmord, um den gesellschaftlichen Pranger von Gericht und Presse zu entgehen. Es mag in unseren Ohren seltsam klingen, aber die Menschen damals strebten nicht nach Ruhm durch öffentliche Demütigung. Reality-TV war noch gänzlich unbekannt. Die Gnade der späten Geburt ist ein zweischneidiges Schwert.

Wie klein der Hartmut aus Minden bei Detmold wirklich war, den die Geschichte trotz seiner großen Tat vergessen hat, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wie alt er war. Denn sein Brief wurde im November 1969 in der BRAVO abgedruckt, nur wenige Monate nach Ende des Totalverbots, und war damit der erste Leserbrief, in dem sich ein junger Mann ungeniert zum Schwulsein bekannte. So werden Helden gemacht. Denn ganz so ungeniert war er nicht. Aus dem anfänglich forschen „Ich bin…“ wurde in seinem Brief eine „Veranlagung“ und endete im letzten Satz schon schmachvoll vorsichtig als „homosexuelle Neigung“. In der Medizin wird laut Wikipedia mit Veranlagung „eine erworbene bzw. durch äußere Einflüsse verursachte erhöhte Anfälligkeit für die Ausbildung von Krankheiten bezeichnet.“ Nun denn, vielleicht hat Hartmut das wirklich geglaubt. Ich fühle mich manchmal auch ganz fiebrig und neige dann zum wilden Sex. Wirklich helfen tut es nicht. Aber der junge Mann war ja auch erst 18, und wenn ihr mich fragt, war das sein eigentliches Problem. Denn das hieß, er musste zum Militär. Die Wehrpflicht rief und da fragt keine Sau nach Veranlagung oder deiner Neigung. Dabei kann man in der Armee möglicherweise ganz praktische Dinge für ein schwules Leben lernen. So heißt die didaktische Methode, einen Rekruten bis zur Leistungsgrenze zu drillen, im blumigen Soldatenjargon „abfisten“. Ich kann den Hartmut gut verstehen. „Schwul“ wird da nicht reichen, dazu braucht es wirklich Neigung. Das Verzeichnis „Deutsche Soldatensprache“ liest sich wirklich toll. Frei nach G.B. Shaw: „Schwule und das Militär, getrennt durch die gemeinsame Sprache“. Ein „Bär“ im Heer ist ein Rekrut. Und seine flauschige Wintermütze ist die „Bärenfotze“. Wenn unsere Soldaten nicht gerade unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen, sind sie mindestens so kreativ und fies wie Großstadttunten.

Hartmut wollte trotzdem nicht zum Militär. Und wurde nebenbei von Dr. Sommer beruhigt. „Fachleute„, so Dr. Sommer, „wissen, dass Homosexualität weder pervers noch krankhaft ist und dass Menschen, die darunter leiden, sehr oft durch Behandlung geholfen werden kann.“ Das zu lesen, beruhigt mich nun wieder. Es schadet schließlich nie, einen Plan B zu haben. Was mich aber in tiefste Verwirrung stürzt, in meine ureigene Krise der Männlichkeit sozusagen, ist der Rat, den Dr. Sommer unserem heldenhaften Verweigerer gibt: „Es gibt unterschiedliche Arten von Homosexualität. Sie sollten deshalb genau wissen, woran Sie sind.

Nach all den Jahren die Gretchenfrage. Wer bin ich genau? Ach, die Heten! Ich sage es immer wieder: Gäbe es sie nicht, wir müssten sie erfinden.